„...der Ball geht ... vorbeiii...!“
Fußball im Radio:  ein musikalisches Abenteuer!

Von Bettina Mittelstraß

Anpfiff. Der Ball rollt. Die Spieler rennen. Das Spiel läuft. Die Spannung steigt.
Aber:
Du siehst das Spiel nicht.
Du hörst es!

Was hörst du?
Wenn man einfach nur ein Mikrofon in ein gefülltes Fußballstadion hält, dann hört man vor allem das Grölen, Schreien und Singen der Fans.

Wenn ihr Kreischen lauter wird, kannst du erahnen, dass etwas passiert. Je spannender die Spielsituation, desto lauter schreien die Zuschauer. Ziemlich wahrscheinlich hörst du, wenn der Ball ins Tor geht. Dann türmt sich eine Wand aus Geräuschen und Rufen auf und bricht als finales Geschrei auseinander. Die Menschen rasen auf den Rängen vor Freude – jedenfalls die Fans der Torschützen-Mannschaft.

Wenn der Ball das Tor allerdings verfehlt, wirst du das auch direkt hören: das Rauschen ebbt ab und läuft in einer Welle der Enttäuschung aus.

Wer aber nur am Johlen der Fans hören kann, was da vermutlich auf dem Rasen passiert, der hat sicher nicht lange Spaß daran, zuzuhören. Er ahnt zwar die Höhepunkte, aber er kann sich das ganze Spiel nicht vorstellen. Er hört nicht, wo der Ball gerade läuft, wer ihn tritt, wann der Gegner ihn sich erobert und wie er voran in Richtung Tor getrieben wird. Das alles muss uns Radiohörern der Fußball-Reporter berichten.


Aber ist das ein nüchterner Bericht, wenn berühmte Radioreporter wie Manni Breukmann oder Günter Koch uns „live“ die letzten Minuten eines Bundesligaspiels wiedergeben?

Nein“, sagt Volker Gast, und er muss es genau wissen.  Denn Volker Gast ist Wissenschaftler, unterrichtet an der Freien Universität Berlin und untersucht die Sprache. Das Sprechen der Fußballreporter in ihren „Berichten“, sagt er, ist alles andere als einsilbig, sondern vielseitig gestaltet und komponiert wie Musik! Eine Fußball-Reportage soll die ganze wunderbare Stimmung im Stadion vermitteln. Der Hörer muss die Spannung spüren, er will mitfühlen, bangen, zittern, sich freuen oder genauso traurig werden, wie die Fans im Stadion, wenn der Ball das Tor verfehlt. Und wie schafft der Reporter es am besten, Stimmung entstehen zu lassen? Mit seiner Stimme!

Hört mal rein in das Spiel Bayern-München gegen Rapid Wien vom  22.11.2005
Reporter: Günther Koch für den bayerischen Rundfunk

MP3 – „vorbeiiiii“

Da knattert die Stimme immer im selben Rhythmus und im selben Ton, wenn der Spieler über den Rasen trabt, den Ball eng am Fuß. Eine Rap-portage!

Die Stimme klebt an der Kugel und wird mit ihr vorwärts getreten, dem Tor entgegen.

Steigt die Aufregung, wird der Ball eng hin und hergespielt, dann ist der Klang der Stimme gequetscht, gedrückt, zum Platzen bereit! Und wenn die Kugel dann richtig liegt, zum Schuss vorgelegt, steigt die Stimme mit der Spannung hoch und höher und – was passiert, wenn nichts passiert? Wenn das Tor nicht getroffen wird?

Hört noch einmal rein, wie traurig und langgezogen der Schlusston da nach unten sinkt und die Szene beendet: „…vorbeiiiiii...“

MP3 – „vorbeiiiii - Wiederholung!!!“

Die ganze Reportage ist beinahe wie eine Oper, sagt der Wissenschaftler. Ein Tor ist der musikalische Höhepunkt der Ereignisse. Und deshalb gebührt ihm auch ein Tusch und noch ein Tusch und noch ein Tusch! Darauf stimmt sich auch der Reporter ein, und das klingt dann so:

MP3 – „Tooor!“

Spiel Bayern-München gegen Rapid Wien vom  22.11.2005
Reporter: Günther Koch für den bayerischen Rundfunk

Auch die Lautstärke des Radioreporters steigt mit der Spannung. Erst brodelt die Stimme die Worte hervor, während der Spielverlauf zu einer Ecke führt. Das entspricht beinahe einem Trommelwirbel.

Die Spannung steigt - die Ecke wird geschossen – die Stimme schwillt an – der Ton wird lauter – wird es ein Tor? – Kopfball – und – Treffer! Der Radioreporter ruft es mit den Fans auf den Rängen laut heraus:
Tor! Tor! Tor!

Manchmal, wenn die Stimmung zum Zerreißen gespannt ist, dann reißen dem von seinen Gefühlen mitgerissenen Reporter auch beinahe die Stimmbänder - wie die Saiten einer Geige im Rausch eines überwältigenden musikalischen Finales!

Am Ende des Spiels Frankfurt gegen Reutlingen am 25. Mai 2003.
Reporter: Chris Berdrow für FFH Webradio

MP3 – „Was für eine Spannung“

Leidenschaftliche Gefühle lieben Musik!
Fußball ist Leidenschaft!
Und Radioreporter machen aus Fußballleidenschaft ein musikalisches Erlebnis!

Geschichte des Radios
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