Geschichte des Radios

von Bettina Mittelstraß

Vierter Teil: Von Freiheit und Piraterie – Radiogeschichte(n) nach dem Krieg bis heute.

Die letzte Rundfunknachricht der Nationalsozialisten aus dem „Haus des Rundfunks“ in Berlin war die Nachricht vom Tod Hitlers in der Nacht vom 1. Mai 1945 – ein Heldentod, hieß es, dabei hatte sich Hitler nur selber erschossen, um nicht bestraft zu werden. Das war dann auch die letzte Lüge der Nazis, die aus dem Volksempfänger in die kleinen Ohren deiner vielleicht 7 Jahre alten Großeltern drang. Danach verabschiedete sich der „Großdeutsche Sender“ der Nazis für immer. Da saßen sie nun, die Kinder, vor den Apparaten in den zerstörten Häusern und hatten fast ihr ganzes Leben Krieg erlebt und Hitlers Stimme im Radio gehört.

War das eine Erleichterung, als aus den Volksempfängern dann endlich fröhliche Musik ertönte! Englische Lieder und gut gelaunte Radiomoderatoren!


Nachdem am 8. Mai 1945 der zweite Weltkrieg zu Ende gegangen war, übernahmen die französischen, amerikanischen, britischen und russischen Militärregierungen in Deutschland die Sendestationen. Ein deutscher Sendedienst wurde von den Besatzungsmächten fürs Erste verboten. Weil aber viele Sender ziemlich zerstört waren, konnte anfangs oft nur provisorisch aus Übertragungswagen gesendet werden, und für ihr Programm baten manche Radioredakteure die Menschen um Mithilfe: wer noch Platten hatte, konnte sie den Sendern leihen!

Allerdings: Wer kein Radio mehr hatte, konnte einige Jahre nach dem Krieg nur mit besonderer Genehmigung eines bekommen. Da kam ein Geschäftsmann auf den klugen Gedanken, einen Radio-Baukasten zu verkaufen. „Bastel dir dein Radio selbst!“


Der Radiobaukasten „Heinzelmann“ 

© Deutsches Rundfunkmuseum Berlin (www.drm-berlin.de)

Einer der berühmtesten Nachkriegssender, den die Amerikaner ins Leben riefen, war der „RIAS“– der „Rundfunk im amerikanischen Sektor,“ der 1946 in Berlin auf Sendung ging. Berliner Großeltern und Eltern kennen ihn alle. Das war jahrzehntelang DER Sender, den in Berlin so gut wie jeder hörte. Auch in der 1949 gegründeten Deutschen Demokratischen Republik (DDR) hörten junge Leute heimlich den RIAS, denn dort diente der von der sowjetrussischen Militärmacht kontrollierte Rundfunk u.a. der Erziehung der Menschen zu guten Kommunisten und unterdrückte viele kritische Informationen. Der RIAS funkte immer dagegen und galt als die „freie Stimme der freien Welt“ – denn auch die Mauer konnte Radiowellen nicht aufhalten.

Mit dem Mauerfall (9. November 1989) und der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten (3. Oktober 1990) gab es keinen „amerikanischen Sektor mehr“ und der RIAS sendete am 31. Dezember 1993 zum letzen Mal. Aus dem Berliner Funkhaus sendet heute „Deutschlandradio Kultur.

In „Westdeutschland“ begann rund vier Jahre nach dem Krieg der Werdegang der unabhängigen regionalen Sender – etwa des Westdeutschen Rundfunks (WDR) oder des Südwestrundfunks (SWR). Denn mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland übergaben 1949 die dortigen Besatzungsmächte nach und nach die Sender in den einzelnen Städten an deutsche Gesellschaften. „Radio München“ wurde der „Bayerische Rundfunk“ (BR). „Radio Bremen“ oder der „Hessische Rundfunk“ kamen in deutsche Hände und so weiter. Es dauerte allerdings noch viele Jahre bis sich die großen öffentlich-rechtlichen Sender so organisierten, wie wir heute kennen. Und bis heute ändert sich immer wieder etwas, wie Sendegebiete, Namen oder Programme.


Die demokratische Freiheit in Europa eröffnete auch spitzfindigen Freigeistern neue Möglichkeiten. Junge Leute – unter denen vielleicht auch deine Großeltern waren? -wollten junges, pfiffiges Programm machen, frei nach Schnauze für jedermann!  Aber es war natürlich inzwischen überall gesetzlich geregelt, wer wann was senden darf. Da konnte nicht jeder einfach so loslegen. Das aber taten von je her die Piraten!

Seit den 60er Jahren sendeten aus allen Ländern so genannte „Piratensender“ mehr oder weniger heimlich, zum Beispiel von fest verankerten Schiffen (künstlichen Pirateninseln!) aus, ein sehr populäres Programm mit viel moderner Popmusik! Vielleicht kennen deine Eltern noch den ein oder anderen Piratensender mit so schönen Namen wie „Radio Veronika“ oder „Radio Caroline.“ Weil ihr Programm so frech und beliebt war, hielten sich die Piratensender eine ganze Weile „über Wasser“ Da sie aber eigentlich keine Lizenzen, also keine Erlaubnis zum Senden hatten, wurden sie nach und nach alle gezwungen, das Senden einzustellen.

Die Idee, auf so eine Weise Radio für junge Leute zu machen, war damit aber nicht gestorben. „Privatsender“, wie wir sie heute kennen, haben sie aufgenommen und auch die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten, die nun, seit ihr hören könnt, Tag für Tag und Nacht für Nacht auf mindestens einer der vielen Frequenzen eure Lieblingssendungen und Lieblingslieder in eure Zimmer schicken!

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