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Eine Weihnachtsliedgeschichte

Draußen kriecht kaltes Regenwetter in Kleider und Schuhe. Autos stinken in langen Schlangen die Straße entlang, quietschen und hupen, weil es nicht schnell genug geht. Die Menschen fliehen unwirsch und hektisch ihrer Wege an diesen grauen Tagen im Dezember. Jeden Morgen müsst ihr da hinaus und in die Schule gehen. Womöglich fallen kurz vor den Weihnachtsferien noch Klassenarbeiten an – über Bruchrechnung oder Grammatik!

Wie soll man da in Weihnachtsstimmung kommen?

Einkaufzone

Mit Musik?

Das hofft so mancher, der in dieser Zeit etwas verkaufen will! Ihr werdet es bemerkt haben: Überall in den Städten krächzen Töne aus großen und kleinen Lautsprechern, die an Weihnachtsmusik erinnern sollen. Blechern bimmelt „Kling, Glöckchen“ aus der einen Ladentür, „Oh, Tannenbaum“ kräht aus der anderen, unterbrochen von Werbesprüchen. Mobilfunkbetreiber bieten „Schneeflöckchen“ als Klingelton an und in jeder Pommesbude am Straßenrand wird eine alte, leiernde Weihnachtsliedkassette aus der Schublade gekramt. Ein schnarrender Rekorder entlässt sein weinendes „Alle Jahre wieder“ in die kalte, fettige Luft –
Und das soll fröhlich stimmen? Weihnachtsmusik als alltägliche Lärmbelästigung? Nein, so war das nicht gedacht!

Drehen wir das Zeitrad zurück ins Mittelalter, als Kirche und christliche Religion das Leben in Europa bestimmten, und Musik dafür da war, Gott zu erleben.

Gemeindechor

Mit Musik!

Die Geburt des Christuskindes an Weihnachten wurde im Mittelalter mit der Gemeinde nur in der Kirche gefeiert, und das mit viel Gesang. Denn das Singen und die Musik galten den Menschen damals als die vollkommenste und schönste Form, Gott zu ehren. Gesang und Musik sollten den Menschen die Herzen für die Weihnachtsbotschaft öffnen, sie in „Weihnachtsstimmung“ versetzen.

In den hohen Kirchenräumen erklingen die Weihnachtslieder heute noch in ihrer ganzen Pracht. Der Klang der Stimmen erfüllt den ganzen Raum, schwillt an und kann die Menschen auch heute noch im Innersten berühren.

So war das gedacht mit den Weihnachtsliedern!

Die ersten Weihnachtslieder waren vertonte Texte aus der Bibel, gesungen von Männerchören im Wechsel mit dem Priester. „Sei uns willkommen, Herre Christ, lieber Gott’s Sohn!“, sangen die Männer und „Kyrie eleison!“ (Herr, erbarme dich). In vielen Weihnachtsliedern, die euren Eltern und Großeltern bekannt sind, kommen solche Zeilen heute noch vor.

Später kamen zum lobpreisenden Gesang in der Kirche die fröhlichen Singspiele vor der Kirche und in den Gassen hinzu. Da wurden vor allem Wiegenlieder gesungen. „Kommt her, ihr Kinder, singet fein!“ sangen die Spielleute und “lasst uns das Kindlein wiegen.“ Solche Texte und Krippenspiele kennen manche von euch vielleicht noch aus dem Kindergarten.

Familienmusik

Erst um 1900 zog das Weihnachtsfest von den Kirchen aus den Gassen in alle Wohnzimmer ein. Vor allem die bürgerlichen Familien in Europa feierten Weihnachten zu Hause. Viele Schriftsteller haben uns in ihren Büchern vom Ablauf dieser häuslichen Feste berichtet.

Bevor das festlich geschmückte Weihnachtszimmer betreten werden durfte, ging es sehr feierlich nach einem festen Programm zu, bei dem die Musik auf keinen Fall fehlen durfte! Dafür lud man in reicheren Familien auch schon mal Chorknaben aus der nahen Kirche ein. Ihr Gesang bildete den Auftakt des häuslichen Festes. „Jauchzet laut!“, „Freut euch!“ – trällerten sie und ließen die Kinder andächtig lauschen. Es wurde dann aus der Bibel vorgelesen, und schließlich sangen die Familienmitglieder oft mit Klavierbegleitung und mehrstimmig – denn damals hatte eine Familie mindestens 4 Kinder! – zum Höhepunkt das Lied: „Stille Nacht, heilige Nacht!“ Das trieb mancher Oma vor Rührung die Tränen in die Augen. (Fragt mal bei euren Großeltern nach, wie das war, als sie noch Kinder waren!)

Das Singen vereinte die Familie, erfüllte ihr Haus mit warmem lebendigem Klang und versetzte alle in eine gemeinsame Stimmung der Ruhe und Geborgenheit. Am Ende des festlichen Rituals wurde für die kleinsten Kinder „Oh, Tannenbaum“ angestimmt und unter diesen Klängen – endlich! – öffneten sich die Türen zum Weihnachtszimmer mit den Geschenken wie Himmelstüren zum Glück!

Bis heute ist „Oh, Tannenbaum“ ein sehr beliebtes Weihnachtslied bei allen Kindern. So tragen die Weihnachtslieder immer noch einen großen Teil zur Vorfreude am Weihnachtsabend bei. Leider wird aber immer seltener gesungen. Oft übernimmt der CD-Spieler die Rolle des Stimmungsmachers im Wohnzimmer unter dem  Tannenbaum. Das wohlige Kribbeln im Bauch, das entsteht, wenn man selber singt, und die schöne Stimmung, die menschliche Stimmen hervorbringen, diese Freuden kann der CD-Spieler aber nicht ersetzen. Nur:
Ganz ohne Musik? Da kommt man doch gar nicht in Weihnachtsstimmung!

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